Reisebericht 1997 |
Jenseits von nirgendwo - die Färöer-Inseln |
Helmut Wilhelm 1997 Eine gottvergessene braun-graue Einöde, 62° Nord, auf der Höhe von Anchorage in Alaska. Etwas Gras, kein einziger Baum, wolkenverhangen, Nieselregen, Nebelschwaden. Inseln des Friedens, Archipel des Lichts, so wurden die Färöer schon genannt, der Flughafen Vágur wird solcher Poesie nicht gerecht. Die Engländer, welche die Inseln im zweiten Weltkrieg besetzten und den Flughafen anlegten, nannten die Färöer "The land of maybe". Maybe. "Vielleicht, wenn das Wetter es zuläßt", so trifft man üblicherweise Verabredungen. Manche Besucher lernen dies schon, bevor sie überhaupt dort sind: Wenn sich die Färöer in dichten Nebel gehüllt haben und das Flugzeug, eine Boeing 737, nicht landen kann. Dann kehrt es wieder zurück nach Dänemark. Heute ist es auf Vágur gelandet. Aufatmen. Horrorgeschichten kursierten unter den Passagieren während des Anflugs. Fünf Versuche habe man einmal gebraucht, pro Anflugversuch ein Tag, vier Nächte in einem Kopenhagener Vorstadthotel, bis die Färöer sich ihres Nebelgewandes soweit entledigt hatten, daß das große Flugzeug in den schmalen Fjord schlüpfen konnte. Und draußen auf der vorgelagerten Inseln Mykines liegen noch die Trümmer einer abgestürzten Maschine, erzählt einer. Oder am 3. August 1996, als ein Militärflugzeug mit dem Oberbefehlshaber der dänischen Streitkräfte an Bord abstürzte. Jeder, der auf die Färöer kommt freut sich, daß er sicheren Boden unter den Füßen hat, auch derjenige, der die zweitägige Schiffsreise gewählt hat. Sie ist zwar sicherer, dafür mitunter unruhig. Das ist aber eine andere Geschichte. Wir verlassen die Maschine, Sprühregen. Zu Fuß geht es zum Terminal und zur Paßkontrolle. Ob man Alkohol dabei habe? Pech, wenn man geglaubt hat, EG-Zollbestimmungen anwenden zu dürfen. Hier ist keine EG, hier ist nicht Dänemark. Eine weiße Flagge mit blau-rotem Kreuz weht über dem Flughafen und signalisiert unmißverständlich: Sie haben einen autonomen Staat betreten. Auch beim Geldumtausch: DM gegen Färöische Kronen, ganz genau soviel wert wie dänischen, aber sie sehen anders aus. Jetzt noch ein Bier: Føroya Bjóur, hier gebraut, wenig Alkohol, aber nicht schlecht. Windstill und warm war es im Terminal. Windig und kalt ist es draußen. Manchmal hält der Wind inne, dann herrscht eine unglaubliche und wohltuende Stille, nur unterbrochen vom Ruf des allgegenwärtigen Austernfischers, des Nationalvogels: jetzt sind es die Inseln des Friedens. Ein buntes Dorf liegt am Ende des Fjords, Sørvágur, Samstag 15 Uhr. Das Geschäft hat noch geöffnet, wir kaufen Proviant für den Sonntag. Die Preise sind skandinavisch, aber moderat. Unser Weg führt uns weiter hinaus, am Fjord entlang zu einer kleinen 10-Betten-Pension in Bøur, dem 50 Einwohner-Dorf 5 km westlich vom Flughafen. Auf der anderen Seite des Fjords sehen wir massive Kaianlagen aus grauem Stein, für große Schiffe geeignet. Die Engländer haben sie gebaut. Obgleich die Färöern von kriegerischen
Auseinandersetzungen weitgehend verschont blieben, hatte der zweite Weltkrieg doch eine
große Bedeutung. England kaufte während der deutschen Blockade von mutigen färöischen
Seefahrern Fisch, und dieser riskante Handel legte den Grundstein zum wirtschaftlichen
Aufschwung und zu einem neuen Selbstbewußtsein der Inseln. Der wirtschaftliche Aufschwung verstärkte sich in
der Nachkriegszeit. Das arme, kleine Land wurde in den 60er und 70er Jahren zum modernen,
reichen Staat. Aus den einfachen Hütten mit dem offenen Herd wurden zeitgemäße moderne
Einfamilienhäuser mit Zentralheizung und Einbauküche. Die lebensgefährlichen
Trampelpfade zwischen den Dörfern wurden durch asphaltierte Straßen ersetzt und
ergänzt, Autoverkehr wurde möglich, und ein ganz neues Freiheitsgefühl hielt Einzug. In
den 80er Jahren boomte die Wirtschaft, deren einzig relevante Grundlage der Fisch ist. Den
gab es in Hülle und Fülle. Das Geld wurde mit vollen Händen ausgegeben, man
verschuldete sich hemmungslos, nahm Projekte in Angriff, die rückblickend nur Sonntag in Bøur, wirklich mit Sonne, jetzt sind es die "Inseln des Lichts". Wir sind unterwegs zum einzigen Dorf, das den Anschluß ans kommende Jahrtausend definitiv verpaßt hat: Gásadalur, das Symbol für den färöischen Niedergang. Die Straße endet an einem steilen Berg. Dort sollte der Tunnel beginnen, 1500 m lang, alles war schon geplant. Da kam die Finanzkrise. Wie seit Jahr und Tag steigt man nun zu Fuß über den Berg, 450 m steil hinauf und wieder hinunter, ohne Weg, über Geröll. Wenige Meter nur vor der senkrecht zum Meer abfallenden Kante windet sich ein Zickzack-Pfad nach oben, wehe wenn der Nebel kommt! Tief drunten in einer Senke liegt Gásadlur. 15 Einwohner hatte es noch als wir dort waren, keine Kinder mehr. Ein Dutzend Kinder seien früher im kleinen Schulhaus unterrichtet worden, der Lehrer habe auch über den Berg steigen müssen, erzählt uns der Briefträger von Gásadalur. Dreimal pro Woche wandert er über den Berg zum "Tunneleingang", wo sein Auto geparkt ist. Dann holt er die Post aus Sørvágur und erledigt Besorgungen. Dreimal in der Woche kommt auch der Linien-Helikopter. Früher habe man Schwerkranke über den Berg tragen müssen. Dem Besucher schaudert "er ist über dem Berg", hat hier seine eigene Bedeutung. Gásadalur liegt im Sterben, und niemand bringt es über den Berg. Die jungen Leute gaben auf, als der Tunnelbau eingestellt wurde. Eigentlich waren die ganzen Inseln todkrank, als ihr Finanzwesen zusammenbrach. 3000 verließen das Land seit 1992, die meisten gingen nach Dänemark, wenn auch nicht ohne die Hoffnung, irgendwann zurückzukehren. Es soll wieder aufwärts gehen. Der Aufbau von Fischfarmen und eine bescheidene Ankurbelung des Tourismus könnten Alternativen schaffen. Aber wer soll in einem Land Urlaub machen, dessen Juli-Durchschnittstemperatur bei 11 Grad liegt, in dem es 280 Regentage gibt und in dem jederzeit entsetzliche Stürme toben können, so daß die Schiffe nicht auslaufen, die Flugzeuge nicht abfliegen können? Ñ The Land of Maybe, ein Touristenziel? Immerhin gibt es genügend Unterkünfte jeglicher Kategorie, ein gutes öffentliches Verkehrsnetz und einen aktiven und kompetenten Touristikverbund. Wer an einem windstillen Juniabend durch die verwinkelten Gassen der alten Hauptstadt Tórshavn spaziert, sich seinen Weg über Treppen kleine Parks und Gärten sucht und seinen Blick über das silbern glänzende Meer schweifen läßt, der spürt, was manche Touristen immer wieder hierher zurückkehren läßt: Das Gefühl, an einem ganz besonderen Ort zu sein, ein Stück Geborgenheit in einem unendlich großen und bedrohlichen Ozean. Vielleicht stößt man auf einen winzigen Park mit zwei Bänken, arrangiert um einen Felsbrocken, in den jemand "NRF" eingemeißelt hat. Dieser NRF war der kleine Niels Ryberg Finsen (1860-1904), Nobelpreisträger und Initiator der dermatologischen UV-Lichttherapie, damals vor allem bei Lupus vulgaris. Er kam in Tórshavn zur Welt und ging dort zur Schule. Seine Gymnasialzeit in Dänemark war schnell zuende, wegen mangelhafter Leistungen mußte er nach Reykjavik umsiedeln, von wo seine Familie herstammte. Dort schaffte er mühsam das Abitur und studierte Medizin in Kopenhagen. Er arbeitete am Anatomischen Institut und danach als "freier Wissenschaftler". Sein früher Tod wurde durch eine chronische Herzinsuffizienz nach Perikarditis verursacht. Ein anderer bekannter Namen ziert ein Straßenschild: Jonas Broncks, der nach Amerika auswanderte und sich an der Mündung des Hudson River eine Hütte baute. Daß einmal ein Staddteil New Yorks seinen Namen tragen würde allerdings mit "x" statt "cks" , konnte der Mann aus Tórshavn nicht wissen. Natur- und Vogelfreunde werden auf den Färöern ihr
Paradies finden. Kaum ein Platz in der Welt kann mit Mykines konkurrieren, der Vogelinsel.
Ein kleines Dorf mit einem unmöglichen Hafen liegt auf der Insel. Gerade noch 9 Leute
wohnen ständig dort, der Rest hat nur noch ein Sommerhaus behalten. Auch Mykines wird
nicht überleben, trotz preiswerter öffentlicher Hubschrauber-Linie. Aber es gibt noch
viele lebendige Dörfer auf kleinen Inseln, auf Svínoy zum Beispiel, oder auf Hestur. Auf
dieser kleinen Insel hat sich die Dorfgemeinschaft sogar ein Hallenbad gebaut, jeder hat
einen Schlüssel dazu, und zwei Jugendliche aus der 60-Einwohnergemeinde schwammen schon
bei den Jugendeuropameisterschaften mit. Überhaupt Mag man die Entwicklung auf dem Mediensektor mit
Skepsis und Bedauern registrieren, im Gesundheitswesen haben die Inseln gewonnen. Ein
modernes Zentral-Krankenhaus mit überwiegend in Dänemark ausgebildeten Ärzten, weitere
Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte gewährleisten einen hohen medizinischen
Standard. Dies ist keineswegs immer so gewesen. Noch in den 50er Jahren starben viele
Kinder an Masern, die die Inseln in Epidemien heimsuchten. Der fehlende intensive
Austausch mit dem "Rest der Welt" verschonte die Färöer zwar vor vielen
Epidemien, verhinderte aber auch eine Grundimmunisierung, so daß relativ harmlose
Infektions-Krankheiten dort verheerende Verläufe zeigten. Trotz seiner Abgeschiedenheit hat das kleine Land
eine Unzahl Dichter, Künstler und Wissenschaftler hervorgebracht. In keiner Sprache wird
pro Muttersprachler soviel veröffentlicht wie in Färöisch. Dabei gab es diese Sprache
bis ins vergangene Jahrhundert als Schriftsprache gar nicht. Dänisch, die Sprache des
"Kolonialherren", der das Land über ein Handelsmonopol Eine Tradition, die ebenfalls mit Reigentanz
abgeschlossen wird, hat die Färöer international ins Gerede gebracht, der Grindwalfang.
Der Grindwal, eine etwa 5 m große Delphinart, lebt hauptsächlich im Nordatlantik, 800
000 Exemplare soll es noch geben. Wehe, wenn eine Herde in die Nähe der färöischen
Küste kommt! Wer sie sichtet, schlägt Alarm, und alle rennen los. Niemand bleibt zuhause
oder am Arbeitsplatz, aus der Sporthalle, aus den Geschäften, sogar aus den Kirchen
strömen die Männer zu ihren Booten oder zur Bucht, in der die Wale erwartet werden.
Boote kreisen die Tiere ein und treiben sie in flaches Wasser, wo sie hilflos stranden.
Sofort springen die Männer ins Wasser und erstechen die Tiere mit einem langen Messer, 50
bis 200 sind es in der Regel. Das Fleisch wird nach einem komplizierten Reglement
verteilt, auch heute noch wird alles verwertet. Immerhin macht das Walfleisch etwa 10% des
färöischen Speisezettels aus. Seit mindestens 300 Jahren gibt es diese eigenartige
Waljagd. Früher bedeutete der Fang einer Herde für ein Dorf das Ende des Hungers, eine
wichtige, unersetzliche Vitaminzufuhr. Vor diesem Hintergrund ist das Jagdfieber zu
verstehen, das reflexartig und mit Vehemenz um sich greift, wenn eine Herde in Sicht kommt
und der erste "Grindabód!" ruft. Es ist falsch, die Grindwaljagd mit dem
kommerziellen Großwalfang der Norweger und Japaner zu vergleichen. Großwale werden auf
den Färöern seit 1965 nicht mehr gejagt. Der Grindwal ist nicht vom Aussterben bedroht.
Dennoch protestieren Tierschützer gegen das grausame Schauspiel. Dies Die Färöer, das sind 18 kleine Inseln, mitten im Nordatlantik, "weit draußen im quecksilberleuchtenden Weltenmeer", wie William Heinesen, der große, 1991 verstorbene Dichter aus Tórshavn schreibt. Er vergleicht sie mit einem Sandkorn auf dem Fußboden eines Ballsaals. "Aber durch ein Vergrößerungsglas betrachtet, ist es doch eine eigene Welt mit Städten, Dörfern, Häusern und kleinen Menschen." Es sind bescheidene, einfache Menschen, die um ihre Zukunft ringen und ihr kleines Land wirtschaftlich und kulturell ins nächste Jahrtausend retten wollen. Heute (Januar 2000) haben die Färöer ihre Auslandsschulden praktisch vollständig abgetragen. Die Auswanderung ist gestoppt und man schaut wieder hoffnungsvoll in die Zukunft. Einige wollen sogar die volle Autonomie, in der Hoffnung, dass Ölfunde das kleine Land wirtschftlich unabhängig machen.
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| Noch etwas zu dem sehr
umstrittenen Thema Grindwalfang: Folgender Text wurde 1995 als Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt veröffentlicht: Walfang auf den Färöern Im Zusammenhang mit der Walfang-Konferenz werden immer wieder drei Nationen angeprangert: Norwegen, Japan und die Färöer. Während Norwegen und Japan völlig zurecht im Kreuzfeuer der Kritik stehen, tut man den Färöern unrecht, wenn man sie in einem Atemzug mit den anderen Walfängern nennt. Auf den Färöern werden seit Mitte der 60er Jahre gar keine Großwale mehr gefangen. Aus dem drastischen Rückgang der Fangquoten (um 1900 über 3000, 1965 noch 12) zogen die färöischen Walfänger die einzig richtigen Schlüsse, nämlich aufzuhören, statt mit aufgerüsteten Schiffen weiterzumachen. Die Färinger betreiben allerdings immer noch die Grindwaljagd. Diese maximal 5 m lange Walart ist aber nicht vom Aussterben bedroht. Die Grindwaljagd wird auch nicht mit moderner Hochtechnologie betrieben, sondern nach den gleichen Methoden wie vor Hunderten von Jahren, wo der Fang einer Walherde für ein Dorf das Ende des Hungers und bitter nötige Vitaminzufuhr bedeutete. Nur vor diesem historischen Hintergrund versteht man diese Jagd. Obgleich das Wal-Massaker abläuft, als sei es minutiös geplant und einstudiert, ist sein Auslöser eine Art bedingter Reflex, antrainiert in vielen Generationen. Wenn eine Walherde auftaucht, rasten die Färinger aus, auch die, die sonst grüblerisch meinen, eigentlich sei die Waljagd ja ein grausames Geschäft und natürlich gar nicht mehr überlebensnotwendig und man solle besser damit aufhören. Der Grindwalfang ist also keine kommerzielle Ausrottung einer bedrohten Tierart, sondern eine mit traditioneller Methode betriebene "volkstümliche" Jagd für den Eigenbedarf. Es ist nicht zu beschönigen, eine Grindwaljagd ist eine apltraumhafte und grausame Aktion. Allerdings dürfen das entsetzlich rotgefärbte Meerwasser und der Anblick der zahllosen toten Tiere nicht zu der Annahme verleiten, das Töten und das Blutbad seien eigentlicher Sinn und Zweck dieser Jagd und die Männer würden sich an der Qual ihrer Opfer berauschen. Bei der Jagd, die ich 1982 mitangesehen habe, wurde die Herde innerhalb von 5 bis 10 Minuten getötet, jedes Tier mit zwei schnellen Messerstichen. Das Fleisch wird auch heute noch restlos verwertet,
keineswegs weggeworfen. So etwas bringen tradtionelle Färinger nicht fertig. Die Färinger haben nicht unrecht, wenn sie uns sagen, wir sollen erst einmal unsere Tiertransporte und Schlachthöfe oder das Jagd(un)-wesen unter die Lupe nehmen. Es ist natürlich einfacher, gegen fragwürdigen Umgang mit Tieren weitab im Nordatlantik zu demonstrieren, als die Probleme vor der Haustür anzugehen. Es war geradezu peinlich und für die Absicht der Tierschützer mehr als kontraproduktiv, daß 1986 ausgerechnet eine südeuropäische Naturschutzorganisation zum massiven Protest auf die Färöer gezogen kam, während zuhause zahllose Stiere zur Volksbelustigung zu Tode gequält und Singvögel grausam ausgerottet werden. Tierschutz und Artenschutz sind wichtige Ziele, für die sich mancher Einsatz lohnt. Aber man sollte fair bleiben und versuchen zu differenzieren. Sonst erreicht man für die Tierwelt gar nichts und tut darüber hinaus einem kleinen Volk unrecht, das sich mangels Menschenmasse nicht wehren kann. Helmut Wilhelm |