Literatur

Eindrücke von den Färöer-Inseln - Literatur

William Heinesen, 1900­1991, ist der bekannteste färöische Dichter. Er schrieb allerdings auf dänisch, in seinem Elternhaus wurde diese Sprache bevorzugt. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens in Tórshavn, wo er in der Nähe des künstlichen Wäldchens wohnte.

Eine Kurzgeschichte von William Heinesen (1900-1991)

LATERNA MAGICA

Die großen Wolken, die langsam vom Meer herein treiben, tragen noch einen Rest bleichviolettes Abendlicht in ihren Gipfeln. Pechschwarze Dunkelheit hüllt sich um Giebel und Dächer und wischt langsam alle Umrisse weg; aber durch die Dunkelheit zeichnen erleuchtete Fenster ihr warmes Viereckmuster. Aber sieh nur, das wunderliche Fenster dahinten: Es gleicht einem rundbogigen Kirchenfenster, und das ist es auch, denn es hatte zu der 1871 abgerissenen, alten katholischen Kirche gehört; dann wurde es bei einer Auktion von der Modehändlerin Madam Abrahamsen gekauft und dient nun als Schaufenster in ihrem kleinen protestantischen Laden in der Stenbiderstraße. Hier sind weltlicher Putz und Galanteriewaren zu schauen, so weit man hinein sehen kann ­: bestickte Tischdeckchen und gehäkelte Deckchen für Sofalehnen, Posamente und gefärbte Glasperlenketten, Medaillons und Broschen, Papierlampions, Zinnsoldaten und Mundharmonikas und anderes lustiges Spielzeug, chinesische Pistolen und Sternraketen ­: ziemlich altmodisch alles zusammen, mit den verwöhnten Augen der modernen Zeit gesehen, aber wir befinden uns jetzt drunten in vergangenen Zeiten und sehen die armseligen Sachen durch die verzauberten Augenlinsen der Kindheit. So bekommt der bescheidene Putz Leben und Farbe wie auf alten italienischen Heiligenbildern, auf Goldgrund gemalt und mit singenden Engeln. Vorfreude und grenzenlose Sehnsucht herrscht wieder auf Erden. Da ist dann vielleicht gerade der unvergeßliche Tag, als du hingerissen das Zauberwort Laterna magica aufnahmst und in deinem Herzen einschlossest. «Wir gehen heute abend Madam Abrahamsen besuchen und sehen uns ihre Laterna magica an!» erfuhr man bereits vormittags, und so war dieses goldene Freudenkorn in dein Herz gesät. Du wußtest nicht richtig, worum es sich handelte, aber das kleine singbare Doppelwort reichte aus, um uns (meine beiden jüngeren Brüder und mich) verrückt vor Vorfreude zu machen. Nichts hat nun einmal soviel Macht wie verlockende Worte. Laterna magica! Laterna magica!

Es war ein windiger und kühler Tag mit Neigung zum Frost, ein Tag so bleich und blaß, wie es sich für einen Novembertag gehört, und doch ­ welch ein Tag! Wir liefen auf den Straßen und Wegen mit unseren Faßbändern herum, oder waren es vielleicht Eisenreifen, die wir mit einem Holzstock schlugen und steuerten, und so war man bestimmt oben drauf auf dem Glücksrad! Ein himmlischeres Fahrzeug hat man seitdem nicht mehr erlebt. Rutschbahnen und Expreßzüge, Flugmaschinen und Raketen können einpacken. Diese absurde wilde Jagd, angespornt und genährt von dem Zauberwort Laterna magica und vertont durch die klingenden Reifen! Und nicht einmal eine gesalbte Hexe unterwegs nach Hekkenfeldt kann eine derartige dämonische Euphorie der Vorfreude erlebt haben. Was eine Laterna magica in Wirklichkeit darstellte, darüber näher nachzudenken nahm man sich nicht die Zeit, man wußte nur, daß es etwas mit leuchtenden Farbbildern im Dunkeln zu tun hatte. Vorläufig ging es also im luftigen Galopp mit den singenden Reifen über Stock und Stein in einer für spätere Zeiten unfaßbaren Entrückung. Frische Lungen, perfekter Blutkreislauf, unverdorbene Gehirnzellen ­ Glück, Glück, Glück! Und kommt nicht daher und sagt, daß Leben sei lauter Trauer und Schande.

Vor diesem Hintergrund ist es bloß von geringer Bedeutung, daß aus der Laterna magica gleichwohl niemals etwas wurde. Madam
Abrahamsen konnte das Licht nicht ordentlich in Gang bringen, und ein Schlosser, nach dem man geschickt hatte, war nicht zuhause. So wurde die Vorstellung auf ein andermal verschoben, aber aus jetzt vergessenen Gründen niemals in die Tat umgesetzt. Aber das Glück der Erwartung, das voranging und erlebt worden war, sitzt süß und tief drunten in den blauen Schluchten der Erinnerung und überdauert dort vielleicht das ganze Leben.

 



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